Gehörlos autofahren - was erlaubt und was verboten ist

Mit Hörschädigung durch den Straßenverkehr

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Laut Statistischem Bundesamt leben alleine in Deutschland mehr als 300.000 Menschen mit dem Umstand der Taubheit oder Schwerhörigkeit. Doch auch diese Personen müssen mobil sein und hin und wieder einen Ortswechsel vornehmen. Aber wenn das Ziel nun so weit entfernt ist, dass nur eine Fahrrad- oder Autofahrt dorthin möglich ist? Dürfen gehörlose Personen bedenkenlos in die Pedale treten oder sich gar ans Steuer eines Wagens setzen? Hier erfahren Sie wissenswerte Informationen rund um das Thema "Mit Hörschädigung durch den Straßenverkehr".

Mit Gehörlosigkeit durch den Straßenverkehr? Früher streng verboten!

Früher war bei weitem nicht alles besser: So etwa kam es bis in die 1940er Jahre nicht sonderlich häufig vor, einen gehörlosen Menschen aktiv im Straßenverkehr anzutreffen. Der Grund: In nahezu ganz Europa hatte man diese Personen von der Verkehrsteilnahme ausgeschlossen, da man glaubte, die Zahl der Unfälle auf den Straßen würden sich durch deren körperliche Beeinträchtigungen erheblich erhöhen. Erst auf Druck zahlreicher Gehörlosenverbände hin änderte sich die Situation deutlich zugunsten der Betroffenen und es erfolgten allmählich immer mehr Zulassungen von Fahrrädern - zunächst auf Probe, wohlgemerkt. Heute ist die Situation glücklicherweise völlig anders, denn umfangreiche Studien haben längst bewiesen: Gehörlose Menschen sind sehr viel weniger an Unfällen beteiligt als andere Fahrzeuglenker. Und man vermutet die Ursache schlichtweg darin, dass sich die beeinträchtigten Menschen im Straßenverkehr sehr viel pflichtbewusster und vorsichtiger verhalten.

Noch in den 40er Jahren durften Fahrräder von gehörlosen Menschen lediglich geschoben werden Noch in den 40er Jahren durften Fahrräder von gehörlosen Menschen lediglich geschoben werden
Für gehörlose Personen unerlässlich: Das Fahrrad mit geeigneten Spiegeln ausstatten Für gehörlose Personen unerlässlich: Das Fahrrad mit geeigneten Spiegeln ausstatten

Wichtige Tipps für gehörlose Fahrradfahrer

Fahrradfahren ist heutzutage für gehörlose Menschen grundsätzlich erlaubt. Doch im eigenen Interesse sollten die Radler einige Dinge berücksichtigen, um sich und andere Verkehrsteilnehmer nicht unnötig zu gefährden. So sollte grundsätzlich immer ein Hörgerät getragen werden, um die akustische Situation so weit wie möglich zu optimieren. Auch verschiedene am Rahmen montierte Rückspiegel tragen erheblich zur Sicherheit bei, denn nur damit lässt sich der Verkehr vorne wie auch hinten lückenlos im Auge behalten. Freilich kann man sein Fahrrad auch mit speziellen Plaketten oder Kennzeichen versehen, um auf die eigene Gehörlosigkeit hinzuweisen - wie zum Beispiel einem auffälligen Schild auf dem Gepäckträger oder auch einem kleinen Fähnchen. Eine erhöhte Aufmerksamkeit ist im Straßenverkehr ohnehin die oberste Pflicht für jeden gehörlosen Teilnehmer.

Gehörlos autofahren - eine ganz besondere Thematik

Fahrradfahren also kein Problem. Doch: Darf man als Gehörloser auch an das Steuer eines Wagens? Dies ist gesetzlich ganz genau geregelt: Die Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) besagt, dass man durchaus auch bei Gehörlosigkeit berechtigt ist, den Führerschein zu machen, sofern man nicht gleichzeitig auch noch Seh- und Gleichgewichtsstörungen hat. Um herauszufinden, ob solche Beeinträchtigungen vorliegen, wird in der Regel ein Gutachten vom Arzt erstellt. Zudem kann von diesem festgelegt werden, ob zum Autofahren ein Hörgerät getragen werden muss oder nicht. Beschränkungen für gehörlose Personen gibt es prinzipiell nur bei einigen Großraumfahrzeugen und LKWs. Doch dürfen die Betroffenen nur dann mit einem Fahrzeug am Straßenverkehr teilnehmen, wenn von vornherein sichergestellt ist, dass sie andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährden. Heute gibt es in Deutschland Fahrschulen, die sich auf gehörlose Menschen spezialisiert haben.

Autofahren ist für gehörlose Menschen heute prinzipiell erlaubt. Doch es gibt  einige wichtige Dinge zu beachten Autofahren ist für gehörlose Menschen heute prinzipiell erlaubt. Doch es gibt einige wichtige Dinge zu beachten
Eine besondere Gefahrensituation im Straßenverkehr tritt auf, wenn Fahrzeugsirenen nicht gehört werden Eine besondere Gefahrensituation im Straßenverkehr tritt auf, wenn Fahrzeugsirenen nicht gehört werden

Gefahren im Straßenverkehr

Die größten Probleme im Straßenverkehr bestehen für hörgeschädigte Menschen vor allem hinsichtlich der kommunikativen Signale: Ob Hupen und Fahrradklingeln, Feuerwehrsirenen oder Lautsprecheransagen - die Welt zahlloser Verkehrsteilnehmer bleibt zeitlebens stumm. Tritt zur Schwerhörigkeit auch noch eine Schädigung des Gleichgewichtssinns, können etwa schlingernde Bewegungen bei Fahrradfahrten schnell zu gefährlichen Situationen oder gar Unfällen führen. Und da sich gehörlose Menschen nicht auf akustische Signale verlassen können, ist ein ausgeprägter Sehsinn auf den Straßen umso wichtiger. So ist es für den Fahrzeuglenker unerlässlich, den ihn umgebenden Straßenverkehr kontinuierlich im Auge zu behalten und wie bei den Fahrradfahrern möglichst viele Spiegel am Wagen anzubringen, um beispielsweise Rettungsfahrzeuge zuverlässig wahrnehmen zu können.

Vor der ersten Autofahrt: Die geeignete Fahrschule finden!

Fahrschule ist nicht gleich Fahrschule, und Fahrschüler ist nicht gleich Fahrschüler. Gehörlose Menschen haben ganz besondere Ansprüche und brauchen eine spezielle Ausbildung, die eigens auf sie zugeschnitten ist. Mit einer herkömmlichen Fahrschule ist es daher meistens nicht getan. Eine wichtige Anlaufstelle ist in diesem Zusammenhang die Ferien- und Gehörlosenfahrschule Lindau, die bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert Hörgeschädigte für den Führerschein ausbildet. Unterricht und Prüfungsvorbereitung erfolgen dabei mittels Filmen und in Gebärdensprache, während die Theorieprüfung von spezialisierten Dolmetschern begleitet wird. Auch Übernachtungsmöglichkeiten sind in der Gehörlosenfahrschule Lindau vorhanden. Doch Vorsicht: Aufgrund der zunehmenden Resonanz ist eine Anmeldung für den Führerscheinkurs mindestens drei Monate im Voraus erforderlich.

Mehr Informationen erhalten Sie beim Verband für bürgernahe Verkehrspolitik e.V.: Trotz Handicap zum Führerschein.

Spezialisierte Gehörlosen-Fahrschulen sind auf die ganz besonderen Bedürfnisse der Betroffenen eingestellt Spezialisierte Gehörlosen-Fahrschulen sind auf die ganz besonderen Bedürfnisse der Betroffenen eingestellt
Ob blind oder gehörlos - Eine Blindenbinde signalisiert anderen Verkehrsteilnehmern, dass hier besondere Aufmerksamkeit vonnöten ist Ob blind oder gehörlos - Eine Blindenbinde signalisiert anderen Verkehrsteilnehmern, dass hier besondere Aufmerksamkeit vonnöten ist

Wie man sich als Hörgeschädigter im Straßenverkehr zu erkennen gibt

Wenn man aufmerksam durch die Straßen geht, kann man immer wieder Menschen beobachten, die eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten tragen. Während man üblicherweise davon ausgeht, dass es sich hierbei ausschließlich um blinde Personen handelt, kann diese Kennzeichnung prinzipiell bei allen Arten körperlicher Einschränkungen getragen werden. Die Abzeichen signalisieren auf jeden Fall eine Form von Behinderung, sodass man angehalten ist, hier ganz besonders umsichtig zu handeln. Es ist also durchaus möglich, dass bei einem Menschen mit gelber Armbinde keine Seh-, sondern eine Hörschädigung vorliegt. Für den täglichen Straßenverkehr kann eine solche Armbinde zumindest lebensrettend sein.

Zusammenfassung

  • Bis in die 40er Jahre durften gehörlose Menschen kein Fahrzeug lenken
  • Gehörlosenverbände erreichten schließlich die aktive Teilnahme Gehörloser am Straßenverkehr
  • Statistisch betrachtet sind gehörlose Menschen viel weniger an Unfällen beteiligt als andere Fahrzeuglenker
  • Gehörlose Fahrradfahrer sollten ihr Rad mit Spiegeln und Kennzeichnungen ausstatten
  • Gehörlose dürfen - mit Ausnahmen - prinzipiell auch Autofahren
  • Da akustische Signale nicht gehört werden, ist erhöhte Aufmerksamkeit gefordert
  • Heute gibt es spezialisierte Fahrschulen für gehörlose Personen
  • Eine Blindenbinde kann zur eigenen Sicherheit auch von gehörlosen Menschen getragen werden



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